Rangehen oder lieber wegdrücken? Nicht immer haben erwachsene Kinder Lust auf Gespräche mit ihren Eltern. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Christin Klose/dpa-tmn)

Das letzte Telefonat liegt schon Monate zurück, Handynachrichten werden ignoriert. Wenn der Kontakt zu ihren erwachsenen Kindern schwindet, ist das für die meisten Eltern sehr belastend. Wieso meldet sich mein Kind so wenig?

Fragen, Erwartungen und Vorwürfe, aber auch Angst oder Wut stehen einer gesunden Eltern-Kind-Beziehung im Weg. Häufig verstünden Eltern die Entwicklung ihres Kindes nicht oder falsch, meint Paarberater Rainer Schmidt. Er hat einen Ratgeber für Väter und Mütter geschrieben, die wieder Kontakt zu ihren Kindern aufnehmen möchten.

Schmidt rät Eltern, unter anderem die Pubertät ihrer Kinder zu analysieren. Häufig gebe es hier schon erste Anzeichen für einen möglichen Kontaktabbruch, etwa wenn der Teenager schweige, obwohl er oder sie noch im Haushalt lebe.

Wenn man nichts hört, ist alles in Ordnung

Zwischen 20 und 30 Jahren lebe dann jeder sein Leben – Eltern wie Kinder. Manche hielten den Kontakt und ließen sich noch die Wäsche waschen, andere brächen ihn ab, vielleicht auch, weil die politischen Ansichten oder Wertvorstellungen zu weit auseinander gingen. Dann gilt Schmidt zufolge häufig der Leitsatz: «Wenn die Kinder sich nicht melden, geht es ihnen gut.»

Verlassen die Kinder das Haus, empfiehlt Familientherapeutin Valeska Riedel Eltern eine Art innere Inventur, denen es schwerfalle, loszulassen. Eltern sollten sich dann überlegen, wie es um ihre eigene Beziehung und Freundschaften bestellt sei, ergänzt Schmidt. Vieles, was man von seinem Kind wolle, könne man vielleicht von jemand anderem bekommen.

Enkelkinder als Brücke

Eine weitere Weichenstellung in Sachen Kontakt erfolge, wenn man Oma und Opa werde. «Die Kinder verbringen gerne wieder mehr Zeit mit ihren Eltern, unter anderem, weil die auf die Enkel aufpassen», sagt Riedel. Das sei bei vielen die Renaissance der Eltern-Kind-Beziehung.

«Wenn ich es als Eltern oder Elternteil schaffe, mich zu offenbaren, zum Beispiel gegenüber den Enkelkindern, könnte das eine Brücke zu den Kindern schaffen», erläutert Schmidt. Wenn das Gegenüber verstehe, warum man so war, wie man war, dann sei häufig die negative Energie rausgenommen.

In manchen Fällen kann es aber auch passieren, dass die Situation mit Enkeln ins Gegenteil umschlägt: Etwa, weil die Kinder das Gefühl haben, Eltern oder Schwiegereltern mischen sich nun noch mehr in das eigene Leben und die Kindererziehung ein.

Keine Vorwürfe machen

Welche Gründe auch immer tatsächlich hinter einem Kontaktabbruch stecken, wichtig für Eltern ist zu wissen: Ein Kind bricht nicht aus einer Laune heraus den Kontakt ab oder reduziert ihn. «Da tun sich Kinder wahnsinnig schwer», sagt Schmidt.

Riedel schlägt Eltern vor, zu analysieren, was sich vor der kommunikativen Eiszeit verändert habe. «Und wenn man es nicht weiß, vorwurfsfrei fragen.»

Klüger als Vorwürfe zu machen, sei es ohnehin für die Eltern, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren, sagt Riedel. Etwa: «Wie schön, ich habe Dich vermisst» oder «Ich habe viel an Dich gedacht.»

Schmidt ist überzeugt: «Die Verantwortung für den Kontakt liegt bei den Eltern, nicht bei den Kindern.» Es sei wichtiger, sich als Eltern um einen Kontakt zu bemühen und ihn aufrechtzuerhalten als die Erwartungshaltung zu haben, das Kind müsse sich melden.

Wieviel Kontakt tut mir gut?

Als erwachsenes Kind wiederum sollte man den Experten zufolge achtsam mit sich selbst umgehen und herausfinden, wie viel Zeit und wie viel Kontakt mit den eigenen Eltern gut tut. «Den Kontakt abzubrechen, ist nur erst einmal eine Lösung, aber nicht dauerhaft», sagt Riedel.

Erwachsen zu sein bedeute, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen. Sich über die Eltern aufzuregen, sei eine Entscheidung. Riedel regt darüber hinaus Folgendes an: Fragen Sie sich, wie alt Sie sind, wenn Sie sich über Anrufe oder Nachrichten ärgern. Meist falle man in die kindliche Rolle zurück.

Von Bernadette Winter, dpa