Ausflug in die Wüste: Die Saudis lernte Couchsurfer Stephan Orth als sehr gastfreundliche Menschen kennen. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Christoph Jorda/dpa-tmn)

Eine Reise durch Saudi-Arabien hört sich ziemlich abenteuerlich an. Der Journalist und Autor Stephan Orth war neun Wochen in dem verschlossenen Land unterwegs. Als Couchsurfer zu Gast bei Einheimischen bekam er einen besonderen Zugang zu den Menschen und erlebte eine Nation im Umbruch. Doch nicht alles wird besser.

Was hat Saudi-Arabien für dich so spannend gemacht?

Stephan Orth: Mich hat der Wandel interessiert, weil gerade in den letzten drei Jahren unter Mohammed bin Salman, dem aktuellen Kronprinzen, unfassbar viel passiert ist. Eine massive Modernisierung findet statt, aber die hat eben auch ihre Grenzen. Ich wollte auf meiner Reise herausfinden, was Show ist und was wirkliche Reform.

Wo ist dieser Prozess der Öffnung denn ernst gemeint und wo dient er mehr der staatlichen Propaganda?

Orth: Es wird viel Geld in den Tourismus investiert und ein Entertainment-Programm für Milliarden von Dollar hochgezogen, mit Konzerten der größten Stars. Ich war auf einem Electro-Festival mit Hunderttausenden Besuchern in der Wüste, wo Männer und Frauen tanzten und David Guetta auflegte.

Ich habe immer wieder das Gefühl gehabt, dass die jungen Leuten selber nicht genau wissen, wo die Grenzen verlaufen, was erlaubt ist und was nicht. Weil auf einmal Dinge möglich sind, die aus religiösen Gründen vor zwei oder drei Jahren komplett verboten waren. Und weil manchmal die Regeln innerhalb der Familie strenger sind als die staatlichen Gesetze.

Und was ist weiterhin tabu?

Orth: Sobald es um mehr Zivilgesellschaft und Demokratie geht, um eine möglicherweise geringere Macht des Königshauses, da hört es auf mit den Reformen. Ich habe mit einem Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation ALQST gesprochen, der meinte, dass es derzeit gefährlicher sei, sich kritisch über die Herrschenden zu äußern als noch vor fünf oder zehn Jahren. Gegen Kritiker wird mit großer Brutalität vorgegangen – wie man etwa am Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi oder der langen Haftstrafe für den Blogger Raif Badawi sehen kann.

Konntest du dich in deiner Rolle als Tourist frei im Land bewegen oder wurde das irgendwie staatlich kontrolliert?

Orth: Größtenteils war ich ganz frei und konnte reisen, wie ich wollte. Für manche Orte braucht man eine Art Registrierung, zum Beispiel für die King Abdullah Economic City bei Dschidda. Das ist ein Neubauprojekt, eine Trabantenstadt. Da braucht jeder ein Permit, das man aber auch problemlos bekommt. Ich habe mich unterwegs auf jeden Fall nicht beobachtet oder verfolgt gefühlt.

Wie haben dich die Menschen im Land aufgenommen?

Orth: Herzlich und gastfreundlich. Ständig wurde ich zu Kaffee, Tee und Datteln eingeladen. Gleichzeitig habe ich die Menschen als sehr social-media-begeistert erlebt. Oft wurde mir schon bei der Begrüßung das Handy ins Gesicht gehalten und ich wurde gefilmt für Snapchat und Instagram. Noch nie habe ich mich auf einer Reise so sehr selber im Mittelpunkt gefühlt. Ich bin ja beruflich Geschichtensammler, aber hier wurde ich ständig selber zur Geschichte.

Welches Klischee über Saudi-Arabien trifft am wenigsten zu?

Orth: Das Klischee, dass es ein ungastliches Land ist, in dem man sich ständig in Gefahr wähnt. Man hat zum Beispiel im Reisealltag nicht das Gefühl, dass man Angst vor Überfällen haben müsste. Vermutlich wirkt es abschreckend, dass Dieben laut Scharia-Gesetz die Hände abgehackt werden können.

Und welches Vorurteil hat sich für dich bestätigt?

Orth: Saudi-Arabien ist eines der religiösesten Länder, die ich auf meinen Reisen erlebt habe. Es gibt etwa 94 000 Moscheen im Land bei 34 Millionen Einwohnern. Die fünf Gebetszeiten werden von den meisten konsequent eingehalten. Die Religion spielt eine zentrale Rolle im Alltag und im Denken der Menschen.

Ich habe kein einziges Gespräch geführt, wo jemand mal den Islam kritisiert hat. Man fühlt sich in einer Sonderrolle in der islamischen Welt, wegen der heiligen Stätten Mekka und Medina.

Du warst ein Tourismus-Pionier in Saudi-Arabien, mit einem besonderen Zugang. Für welche Reisenden kann das Land deiner Erfahrung nach eine lohnenswerte Erfahrung sein?

Orth: Spektakulär sind Ausflüge in die Wüste. Im Osten liegt das Leere Viertel, die Rub al-Chali, eine der größten und am wenigsten erforschten Wüsten der Welt. Man sollte dort aber unbedingt mit Leuten unterwegs sein, die sich auskennen – da sind schon einige Geländewagen verschollen.

Im Westen gibt es mit der antiken Felsgräberstadt Hegra eine Topattraktion, die mit Petra in Jordanien mithalten kann. Andererseits muss man sich schon überlegen, ob man in Saudi-Arabien etwa einen Fünf-Sterne-Luxus-Urlaub verbringen will, ob man das in Ordnung findet angesichts der Diktatur. Ich könnte mir nicht vorstellen, dort einen Entspannungsurlaub zu buchen.

Zur Person: Stephan Orth, Jahrgang 1979, ist freier Journalist und Autor. Er hat bereits erfolgreiche Reisebücher über Couchsurfing in Iran, Russland und China veröffentlicht.

Von Philip Laage, dpa