Alexander Zverev ist bei den Australian Open im Viertelfinale an Novak Djokovic gescheitert. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Dave Hunt/AAP/dpa)

Strahlend hält Alexander Zverev die Australian-Open-Trophäe in den Händen. Er ist ein Grand-Slam-Champion. Aber in diesem Moment ist Alexander Zverev noch ein vielversprechender Tennis-Teenager. Es war 2014, als er in Melbourne triumphierte – im Junioren-Wettbewerb.

Nicht erst seitdem träumt Zverev davon, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Und der Deutsche Tennis Bund setzt auf ihn schon lange die Hoffnungen, endlich nach Boris Becker auch wieder einen Herren-Sieger bei einem der vier wichtigsten Turniere vorzeigen zu können.

Doch noch reicht es nicht dafür. «Da war mehr drin, das weiß er selber», sagte Boris Becker. Das sei schon «eine große Enttäuschung» für den 23-Jährigen. Denn selbst gegen den Titelverteidiger und Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic waren Zverevs Chancen auf den nächsten Einzug ins Halbfinale immens, am Ende ließ der Hamburger mit dem 7:6 (8:6), 2:6, 4:6, 6:7 (6:8) seine Kritiker aber nicht verstummen.

An den entscheidenden Tagen des ersten Grand-Slam-Turniers der neuen Saison spielt kein deutscher Teilnehmer und keine deutsche Teilnehmerin mehr mit. Zverev dachte am Morgen nach dem schmerzhaften Aus stattdessen gleich schon wieder ans Training.

«Er ist sehr positiv gestimmt. Er merkt, er hat sich in den letzten Monaten verbessert, das tut ihm auch gut», berichtete Mischa Zverev bei Eurosport. Sein jüngerer Bruder habe ihn nach dem Aufwachen direkt angerufen und als erstes gefragt, wann sie trainieren und was sie üben müssen, sagte Mischa Zverev, der seit kurzem auch als Manager seines Bruders arbeitet. Dieser sei aufgewacht mit dem Gedanken, er gehe «zurück in den Kampf» formulierte es Mischa Zverev.

Soll die Tristesse aus deutscher Sicht bei diesen wichtigsten Turnieren nicht überwiegen, dürfte von Zverev künftig wohl vieles, wenn nicht alles abhängen. Die Aussichten – abgesehen von dem Weltranglisten-Siebten – sind mäßig, was noch deutlicher zu Tage treten dürfte, sobald nach Julia Görges, Wimbledon-Halbfinalistin von 2018, bei den Damen auch Angelique Kerber abtritt.

Die abgerutschte dreimalige Grand-Slam-Siegerin (25.) ist neben Laura Siegemund (49.) die einzige deutsche Spielerin unter den Top 100. Bei den Herren sieht es neben Zverev (7.) mit Jan-Lennard Struff (37.), Dominik Koepfer (70.) und Philipp Kohlschreiber (100.) nicht viel besser aus. An einer breiten Masse wie in der Vergangenheit fehlt es.

Überraschungen gibt es zwar immer wieder. Etwa vor knapp eineinhalb Jahren, als der Schwarzwälder Koepfer 2019 ins Achtelfinale der US Open stürmte. Oder im vergangenen Jahr, als Qualifikant Daniel Altmaier die Runde der besten 16 der French Open erreichte. Auf Top-Niveau ist Zverev der Allein-Unterhalter – anders als etwa bei der starken russischen Tennis-Generation mit Daniil Medwedew und Andrej Rubljow. Für ATP-Finals-Champion Medwedew war der Dreisatzerfolg im Viertelfinale der Australian Open bereits der elfte Sieg nacheinander gegen einen Spieler aus den Top Ten.

Zverev ist bei den Grand-Slam-Events den Nachweis noch schuldig geblieben, die Besten der Branche schlagen zu können. In dieser Turnier-Kategorie, in der es am meisten um Ruhm und Ehre geht, hat er alle neun Duelle mit Top-Ten-Spielern verloren.

Ihm stand am Dienstag die Nummer eins der Welt und der achtmalige Australian-Open-Champion gegenüber, doch die Chancen auf den zweiten Halbfinaleinzug in Melbourne nach 2020 waren da. Der 23-Jährige gewann den ersten Satz, er gab im dritten eine 4:1-Führung und im vierten eine 3:0-Führung wieder her. Die Einstellung könne er noch verbessern, sagte Mischa Zverev: «Da möchte ich schon, dass er die fünf, zehn Prozent dominanter spielt, wirklich dem Gegner zeigt, du hast keine Chance».

Auch im Halbfinale von Melbourne im vergangenen Jahr hatte Zverev gegen Dominic Thiem den ersten Satz gewonnen, im Endspiel der US Open 2020 führte er gar mit zwei Sätzen. Am Ende jedoch schrieb jeweils der Österreicher Tennis-Geschichte. Dass Zverev erst 23 Jahre alt ist, spricht für ihn. Djokovic, Roger Federer und Rafael Nadal werden sich früher oder später von der Tennis-Tour verabschieden. Und diese prominente Konkurrenz traut es ihm zu, dass der Grand-Slam-Sieg bei den Junioren nicht der einzige bleibt.

Von Kristina Puck und Wolfgang Müller, dpa